Medienschaffende beklagen Musik Promotion Network erneut

Neue Promotionsmethode erschwert Musikberichterstattung

(SMN) Viele Schweizer Medienschaffende im Bereich Musik sehen die Seriosität ihrer Arbeit in Gefahr. Seit dem 1. August 2007 werden sie von den meisten grossen Plattenfirmen nicht mehr mit den CDs bemustert, über die sie berichten sollen. Stattdessen können sie sich die Musik nur noch im Internet anhören, allerdings lediglich in der miserablen Auflösung von 32 kBit/s - üblich sind bei kommerziellen Musikportalen 128 oder 256 kBit/s. Da die Musik nicht abgespeichert werden kann, lässt sich auch die Entwicklung eines Künstlers nicht mehr beurteilen.

Viele betroffene Medienschaffenden legten in zwei Stellungsnahmen ihre Einwände dar. Die angesprochenen Plattenfirmen gingen jedoch nicht darauf ein, obwohl die zweite Petition mittlerweile von 52 Journalistinnen und Journalisten, darunter auch viele aus der Westschweiz, unterzeichnet wurde. Die Unterzeichner kündigten dort auch an, dass sie andere Künstler berücksichtigten, wenn Musik nicht auf CD oder in entsprechender digitaler Qualität vorliegt.

Die Massnahmen der Plattenfirmen und der Medienschaffenden haben bereits solch grosse Auswirkungen auf die Musikszene, dass sie auch das Thema einer Podiumsdiskussion am Zürcher Pop-Festival M4Music sein werden 6. - 8. März, Schiffbau Zürich; Podiumsdiskussion am 8. März um 14.30 Uhr.

 

2. Stellungnahme vom 3. März 2008, die von 52 Medienschaffenden unterzeichnet wurde

Werte Damen und Herren,

Wir haben Ihre Antwort erhalten, fühlen uns aber nicht ernst genommen, weil auf unsere detaillierten Argumente nicht ansatzweise eingegangen wurde. Bezeichnenderweise wurden wir, die direkt Betroffenen, schon bei der Planung des Music Promotion Networks nie um unsere Meinung angefragt. Das MPN ist in der gegenwärtigen Form für uns in keiner Weise "eine zeitgemässe Dienstleistung", wie Sie schreiben (dies bietet allenfalls iTunes Plus mit Downloads in einer Bitrate von 256 kBit/s). Wir halten deshalb noch einmal in aller Deutlichkeit fest:

- Streaming mit nur 32 kBit/s ist für unsere Arbeit indiskutabel
- Zwingend ist, dass die Stücke abgespeichert werden können
- Bei für uns wichtigen Themen wollen wir weiterhin physische Tonträger erhalten (Tonqualität/Archiviertauglichkeit).

Wenn die qualitativen Voraussetzungen bei einem Produkt nicht gegeben sind, sehen wir uns dazu gezwungen, in unserer Berichterstattung andere Künstler zu berücksichtigen.

Mit freundlichen Grüssen,

Martina Abächerli, Redaktorin Musik Heute
Rudolf Amstutz, Chefredaktor The Title + freier Mitarbeiter div. Medien
Philipp Anz, freier Mitarbeiter Züritipp, Live
Lukas Bachmann, Redaktor Neue Luzerner Zeitung
Reto Baumann, Redaktor Tages-Anzeiger
Ueli Bernays, Redaktor NZZ
Pirmin Bossart, freier Mitarbeiter Neue Luzerner Zeitung
Thomas Burkhalter, freier Mitarbeiter div. Medien
Jean-Martin Büttner, Redaktor Tages-Anzeiger
Silvano Cerutti, Redaktor Week/20 Minuten
Dominik Dusek,Redaktor Musik Züritipp
Marcel Elsener, Redaktor Musik St. Galler Tagblatt
Eric Facon, Redaktor Radio DRS4
Markus Ganz, freier Mitarbeiter NZZ und div. Medien
Tobias Graden, Redaktor Bieler Tagblatt
Tom Gsteiger, freier Mitarbeiter Mittelland Zeitung, Live u.a.
Urs Hangartner, freier Mitarbeiter Neue Luzerner Zeitung und div . Medien
Christian Hug, freier Mitarbeiter div. Medien
Nick Joyce, freier Mitarbeiter Tages-Anzeiger und div. Medien
Hans Keller, freier Mitarbeiter div. Medien
Simon Knopf, Chefredaktor Musik Students.ch
Marc Krebs, Redaktor Musik Basler Zeitung
Hanspeter Künzler, freier Mitarbeiter div. Medien
Fabian Merlo, Hunkeler Entertainment GmbH/ hiphop.ch
Leo Niessner, Indie-Team und freier Mitarbeiter div. Medien
Manfred Papst, Redaktor NZZ am Sonntag
Robert Rotifer, freier Mitarbeiter div. Medien
Andreas Scheiner, freier Mitarbeiter div. Medien
Manfred Schiefer, freier Mitarbeiter Aargauer Zeitung
Adrian Schräder, freier Mitarbeiter div. Medien
Tina Uhlmann, Musik-Redaktorin der Berner Zeitung
Benedetto Vigne, freier Mitarbeiter div. Medien
Peewee Windmüller, Herausgeber Jazz'n'more
Rolf Wyss, freier Mitarbeiter div. Medien

François Barras, Boris Senff, Jean-Frédéric Debétaz & Michel Caspary - 24 Heures
Olivier Horner & Arnaud Robert - Le Temps
Luca Sabatini & Fabrice Gottraux - La Tribune de Genève
Laurent Flückiger & Julien Delafontaine - Le Matin Bleu
Yves Peyrollaz & Christophe Chanson - TéléTop
Karine Vouillamoz - Le Matin Dimanche
Jean Ellgass - Le Matin
Jean-Philippe Bernard - Fémina, La Liberté
Jean-Blaise Besençon - L'Illustré
Christophe Schenk - L'Hebdo

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Einige Reaktionen von Journalisten

Zum Reinhören in Neuheiten wäre die angebotene Qualität durchaus zu gebrauchen, wenn man bei Interesse dann bei der jeweiligen Plattenfirma eine qualitativ akzeptable Version bestellen könnte. Zudem sind die Neuheiten - wenn überhaupt - erst nach Release aufgeschaltet, was mir als Redaktor einer Monatszeitschrift nun gar nichts nützt.
Rudolf Amstutz, Chefredaktor The Title + freier Mitarbeiter div. Medien

 

Was die Plattenindustrie nicht realisiert: Dass sie nicht nur die Presseleute mit Misstrauen und Verachtung bestraft und ihre Arbeit erschwert bis verunmöglicht. Sondern dass diese Haltung genau den Künstlern schadet, die auf sorgfältige Rezensionen angewiesen sind, weil sie nicht schon über die internationalen Grosskanäle verbreitet werden. Mit ihrer Haltung bestätigen die Plattenfirmen, dass sie letztlich nur an den grossen Namen interessiert sind - ironischerweise also am Abbild ihrer eigenen, geblähten Strukturen. Das führt letztlich dazu, dass keine neuen Talente mehr eine Chance haben, jedenfalls nicht bei der Industrie. Worauf sie sich anderen Vertriebskanälen zuwenden - somit exakt das tun, wovor die Plattenindustrie am meisten Angst hat.
Jean-Martin Büttner, Redaktor Tages-Anzeiger

Ich brauche MPN, um eine Vorschau auf eine Band zu schreiben. Das Computersystem unserer Firma hat einen "schlechten Tag", der Internetzugang ist extrem langsam. Kann passieren. Kann aber auch passieren, dass mal überhaupt keine Verbindung möglich ist. Wenn ich dann schreiben/hören muss, bin ich komplett aufgeschmissen - oder ich werde mir sofort ein anderes Thema suchen. Ich logge mich ein, drehe Däumchen, bis das System angelaufen ist, gebe den Bandnamen ein - und finde nur die Single. Bravo. Deshalb wollte man mir das Album nicht schicken. Die Single kann ich dann nicht hören, weil ein allgemeiner Fehler aufgetreten ist, wie eine automatische Meldung erklärt. Ich habe mir die MPN-Datei dann doch noch und zwar mit hochwertigem Kopfhörer anhören können. Die Qualität war schlechter als auf einem YouTube-Video. Mehr als feststellen, dass da einer singt (immerhin klar und deutlich) und dass hinten eine Art rhythmisches Staubsaugergeräusch stattfindet, war nicht möglich. Vom Booklet gabs einen Scan des Covers, keinerlei Angaben zu Produzent, Autoren und sonstigen Credits. Silvano Cerutti, Redaktor Week/20 Minuten

Der Stream spottet jeder Beschreibung, da kann man ja gleich bei Amazon hören gehen. Dominik Dusek, Redaktor Musik Züritipp

Es widerspricht jeder Promotionslogik, mit der schlechtestmöglichen Qualität gerade diejenigen Personen abzuspeisen, die für dieses Produkt Öffentlichkeit schaffen sollen. Abgesehen von der klanglichen Vergewaltigung gibt es auch Verständnisprobleme: Noch vor MPN hörte ich bei einem Art-Brut-Stream mit 128 kBit/s die verwirrende Zeile "Thom Yorke ist nicht tot" - auf der später nachgereichten CD zeigte sich klar, dass "Punkrock ist nicht tot" gesungen wurde. Was hätte ich wohl bei 32 kBit/s gehört, zumal ja in der Regel auch kein Booklet mit Lyrics zur Verfügung steht? (es nützt übrigens nichts, "rechte Böxli" an den PC anzuschliessen, wie man mir bei Phononet empfahl. Ich machte diese Erfahrung über eine semiprofessionelle Studioanlage mit 24-Bit-Wandler).
Markus Ganz, freier Mitarbeiter NZZ und div. Medien

Den Musikjournalisten, die dem Publikum noch mit Enthusiasmus schmackhaft machen wollen, Alben zu kaufen, werden quasi die Arbeitsgrundlagen entzogen, oder anders gesagt: Jene, die oft (bei positiven Kritiken) Gratiswerbung für die Musikindustrie machen, sollen dafür die Alben selber kaufen. Eigentlich ungeheuerlich.
Tobias Graden, Redaktor Bieler Tagblatt

Ich habe mich nicht bei MPN angemeldet und habe auch nicht vor, dies zu tun. D.h.: Ich werde halt "nur" noch Alben besprechen, die ich wie bis anhin als Rezensionsexemplar erhalten werde. Zum Glück ist mein Gebiet (Jazz) von dieser blödsinnigen Aktion nicht so stark betroffen, aber eine Zumutung ist es so oder so.
Tom Gsteiger, freier Mitarbeiter Mittelland Zeitung, Live u.a

Streams binden mich an den Computer: Sobald ich diesen verlasse, kann ich keine Musik mehr hören: Diese höre ich aber meistens NICHT im Büro! Zudem kann man mit Streams kein Archiv aufbauen: wenn ich einen Artikel schreibe und die alten CDs hören will, ist das entweder unmöglich oder nur mit sehr grossem Zeitaufwand machbar... Das ist überaus lästig.
Christian Hug, freier Mitarbeiter div. Medien

Viele bei uns sind damit unzufrieden, dass Songs nicht gedownloaded werden können. Da nicht alle permanent den Internetzugang fürs Anhören blockieren können, bedeutet das MPN ein organisatorisches Problem. Ebenfalls ist ein vernünftiges Reinhören in ein Album nicht im gleichen Masse möglich, und hinterlässt meiner Meinung nach auch nicht den gleichen Eindruck wie das "Stereoanlagen-Feeling". Des Weiteren bin ich eher unzufrieden mit der gesammten Kommunikationslage. Es ist unklar, wann ein Album auf MPN erscheint (Release-Datum? vorher?), und auch was genau erscheint.
Simon Knopf, Chefredaktor Musik Students.ch

Ich bin nun gezwungen, neue Musik via Internet in mangelhafter Qualität anzuhören. Und das nicht im Auto, im Tram, im Bett, sondern nur an einem Computer mit Standleitung zum Internet. Ich muss mir ein Bild des Produktes machen, ohne Artwork, ohne Lyrics, ohne Liner-Notes. Wie soll ich ein solch schlechtes Produkt, das ich im Netz zu hören bekommen habe, den CD-Käufern schmackhaft machen? Dass ich dann die CD nicht habe, wenn der Künstler Monate später für Schlagzeilen sorgt oder in der Schweiz auftritt, ist zusätzlich nachteilhaft. (...) Im Moment schaue ich die Alben, die via Post als CD kommen, noch immer genauer an als die für mich verwirrende und unzufriedenstellende Phononet-Seite. Ich bin froh, dass es immerhin noch Independent-Plattenfirmen gibt, die mich weiterhin mit dem CD-Produkt bemustern. Denn darauf spielt die Musik.
PS: Welcher Filmredaktor würde den neusten Tarantino bejubeln, nachdem er diesen als schlecht aufgelöstes Filmchen mit dürftiger Klangqualität via Realplayer gesehen hat? Welche Literaturredaktorin würde den neuen Stephen-King stundenlang am Computer mit Standleitung verschlingen wollen, ohne ihn ausdrucken zu können?
Marc Krebs, Redaktor Musik Basler Zeitung

Die Bemühungen, uns Medienschaffenden eine "zeitgemässe Dienstleistung" zu bieten, sind erfreulich. Allerdings wäre es von Nutzen, wenn man dabei auch die praktischen Folgen dieser Neuerungen in Betracht ziehen würde. Ich habe im Prinzip nichts dagegen, ein Album zur Vorbereitung eines Interviews statt auf Vorab-CD als Download zugeschickt zu bekommen. Ich wehre mich aber dagegen, dass offenbar nicht vorgesehen ist, Journalisten die Alben tatsächlich downloaden zu lassen. Bloss Zugang zu einem Stream sollen wir haben, und auch das nur drei Monate lang. Diese Massnahme erschwert unsere Arbeit enorm - oder verteuert sie gewaltig. Denn ohne eine umfassende Discothek im Haus können wir uns nur ungenügend auf ein Interview vorbereiten. Ohne Zugriff auf mehrere ältere Nick Cave-Alben zum Beispiel wäre ein befriedigendes Interview mit dem Meister unmöglich. Dass wir keine CDs mehr zugeschickt bekommen sollen, bedeutet, dass wir sie künftig im Laden kaufen müssen, wenn wir weiterhin am Ball bleiben wollen - eine Auslage, die sich die wenigsten von uns, besonders nicht die Freien, leisten können. Gemäss Beat Högger von der IFPI soll MPN "ein treuer, ständiger Begleiter sämtlicher wichtigen Alben- und Singleveröffentlichungen werden". Da der Versand nicht nur von "wichtigen" Alben eingestellt zu werden scheint, sondern überhaupt von allen Alben, stellt sich ernstlich die Frage, wie die Medien noch auf Themen stossen sollen, die von den Plattenfirmen als "unwichtig" erachtet werden - was, mit Verlaub, zumeist die interessanteren Themen wären!
Hanspeter Künzler, freier Mitarbeiter div. Medien

Wenn ich mir Amy Winehouse mit einer Streaming-Qualität von 32 kbit/s anhören muss, dann kann mir ebenso gut eine Promotorin das Album übers Telefon vorsingen.
Leo Niessner, Indie-Team und freier Mitarbeiter div. Medien
 
Eine phonographische Industrie, die argumentiert, dass ein Stream als Repräsentation ihrer physischen Produkte ausreicht, spricht diesen ihren eigenen Produkten jede Existenzberechtigung ab. Warum sollte ein Konsument CDs erwerben, wenn sogar deren Hersteller finden, dass Rezensenten diese CDs als Grundlage ihrer Bewertung nie gesehen zu haben brauchen? Der einzige Grund, warum Tonträger heutzutage überhaupt noch gekauft werden, ist ihre ästhetische und klangliche Überlegenheit, sowie die sinnlich-taktile Ebene. Wenn die phonographische Industrie das selbst nicht mehr versteht, hat sie endgültig verloren.
Robert Rotifer, freier Mitarbeiter div. Medien

Ich werde keine MP3-Dateien besprechen und im Zweifelsfall auf Indie-Bands zurückgreifen.
Manfred Schiefer, freier Mitarbeiter Aargauer Zeitung

Das Unglaubliche ist eingetroffen! (...) Der Journalist erhält nur noch Zugriff auf irgendein minderwertiges File, keine Qualität der Musik mehr, aber halt, genau diese sollte er doch als Fachperson beurteilen. Glauben sie mir eines: Ferrari hätte sich nie getraut, Michael Schuhmacher einen Fiat 500 an den Start zu stellen in der Meinung, dass der Trottel dies nicht bemerken würde und eh gewinnt! Meine Damen und Herren, wissen sie eigentlich noch, was die Wörter Dienstleistung und PR bedeuten? PR werden sie sicher weiter betreiben, vermutlich in Form von Wettbewerblis zur Verlosung eines Zehennagels von Robbie Williams oder eines ausgeleierten Bauchnabelpiercings von Shakira, weiter reicht's nicht mehr. Dienstleistung sollte jedoch beinhalten, dass ich einem mir nützlichen Partner einen guten und vor allem professionellen Service biete. (...) Wir von Jazz'n'more werden in Zukunft KEINE CD rezensieren, welche wir nicht physisch auf der Redaktion haben. Peewee Windmüller, Herausgeber Jazz'n'more

 

 
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